Der strange guy
Ich stehe in der Küche, umgeben von etwa dreißig Leuten, von denen ich niemanden kenne. Nur Katja ist mir vertraut. Sie hat ihr Examen geschafft, und ich gratuliere ihr, pflichtschuldig, während sie drei Gläser Bier balanciert, als wären es Pokale. Während meines Zivildienstes war ich einmal sehr in sie verliebt, oder zumindest glaubte ich das. Es war eher eine Schwärmerei, die irgendwann ernster wurde. Nach meinem Zivildienst trafen wir uns gelegentlich, gingen ins Kino, sahen uns Filme wie Moonlight & Valentino mit Jon Bon Jovi an. Kein Film, über den man sich noch Jahre später unterhält, er war so schlecht, dass man sich da auch nach einer Stunde schon nicht mehr drüber unterhält. Aber trotzdem eine Erinnerung, die bleibt, wie ein eingerahmtes Poster, das man nicht abhängt, obwohl man längst nichts mehr damit verbindet.
Die Party ist in vollem Gange. Die Musik pulsiert, basslastig, Rock, der sich wie ein pochender Herzschlag durch die Räume schiebt. Pearl Jam auf geschätzt 121 Dezibel, amtlich gemessen von meinem Trommelfell. Im Flur liegen Jacken auf einem Haufen, eine Mischung aus nassem Wollstoff, Leder und billigem Parfum, die den Raum geruchlich dominiert. Der Jackenhaufen erreicht ab 23:14 Uhr offiziell Hügelstatus (DIN unbekannt). Stimmengewirr, Lachen, Gläserklirren. Katja bringt Bier, Jochen tanzt im Nebenzimmer zu Pearl Jam, verschwunden in diesem rituellen Schütteln, Augen halb geschlossen, Arme fahrig, als würde er das Universum dirigieren. Er wirkt glücklich, verloren im Takt, und ich beneide ihn darum. Jochen tanzt immer, als gäbe es kein Morgen. Vielleicht ist das sein Trick: nicht nachdenken, nur bewegen. Kopf aus, Körper an. Eine Methode, die mir nie gelingt. Ich komme auch in diese Trance, doch gerade dann völlig aus der Waage und raste aus, sodass mich alle meiden. Wenn ich Jochen tanzen sehe, wird es mir ganz schwer. Er tanzt, als hätte er eine Kooperation mit der Gravitation.
Ein Typ steht vor mir. Taucht auf, wie aus dem Nichts. Redet sofort. Das Stakkato eines Bekloppten – ohne Luft zu holen. Er stellt die Standardfragen, das, was man eben fragt, wenn man plötzlich neben jemandem steht und ein Gespräch erzwingen will. Multiple Choice: a) Was machst du so? b) Schon mal hier gewesen? c) Glaubst du an lineare Lebensläufe? „Hallo, ich bin Guido. Was machst du so?“ Seine Stimme kippt zwischen Begeisterung und Unsicherheit. Ich kenne ihn nicht, oder doch? Vielleicht schon mal gesehen, vielleicht auch nur eines dieser austauschbaren Gesichter. Er lächelt, aber das Lächeln sitzt nicht fest, rutscht ständig weg, als sei es geklaut und suche seinen Besitzer.
Ich sage: „Ich trinke Bier.“ Endlich mal Expertise. Ein Scherz, eine Ausweichbewegung, ein billiger Witz. Er nickt begeistert, als hätte ich damit bereits etwas Wichtiges über mich verraten. Ich erzähle halb widerwillig, dass ich in einem Restaurant arbeite, Bier zapfe, das nie schmeckt, nie so, wie man hofft – es schmeckt wie immer: Hoffnung mit Kohlensäure. Die Arbeit ist anstrengend, sage ich, aber sie lenkt mich ab. Guido hört aufmerksam zu, übertrieben aufmerksam, als hinge sein Leben von meinen Sätzen ab. Er hört zu, als würde er später prüfungsrelevante Fragen stellen. Sein Blick fixiert mich, bohrend, als wolle er herausfinden, ob ich lüge. Ich fühle mich ausgeleuchtet, wie unter Neonröhren auf einem Untersuchungstisch. Neonlicht: ehrlich wie eine Steuerprüfung.
Die Stille drückt, und ich höre mich sagen: „Ich schreibe ein Buch.“ Einfach so. Kein Plan, keine Geschichte. Ein Satz, hingeworfen, um Ruhe zu haben. Der Satz wirkt schon benutzt. Stille. Er prüft mich auf Druckstellen, wo sonst das Ego liegt. Er glaubt das sofort. Seine Augen leuchten auf, als hätte ich ihm gerade ein Geheimnis verraten, das er schon immer hören wollte. Ich muss fast lachen. Es ist erstaunlich, wie leicht Menschen an Geschichten glauben, wenn man sie nur entschieden genug erzählt.
„Worum geht’s?“, fragt er.
„Um… Menschen. Um Abende wie diesen. Um Gespräche, die nirgendwohin führen.“
„Über mich?“ – „Statistisch unwahrscheinlich, aber lassen wir die Tür offen.“
Er nickt andächtig. Er glaubt mir jedes Wort.
Mein Bier ist leer. Auch seins. „Bringst du mir eins mit?“, fragt er. Er sagt es beiläufig, fast selbstverständlich, als wäre ich sein Kellner. Ich nicke, obwohl ich keine Lust habe. Warum rede ich überhaupt noch mit ihm? Vielleicht, weil es einfacher ist, als allein in der Ecke zu stehen. Vielleicht, weil auch belanglose Gespräche einen Sinn haben können, wenn die Alternative Schweigen ist.
Die Küche füllt sich weiter, der Boden klebt vom verschütteten Bier, und irgendwo tropft eine umgekippte Flasche in die Spüle.
Katja lacht, dieses helle, unerschütterliche Lachen, das alles andere übertönt. Jochen ist verschwunden, wahrscheinlich in irgendeiner Ecke mit irgendwem, in einer Welt aus Musik und Bewegungen, die ich nicht betrete.
Ich bringe Guido ein Bier. Wir stehen wieder nebeneinander. Er spricht über sein Leben, oder das, was er dafür hält: irgendein Praktikum, das ihn nicht erfüllt, eine Freundin, die sich „gerade auslebt“ (seine Worte), eine Stadt, die er eigentlich verlassen wollte, aber nie verlassen hat. Seine Stimme schwankt, mal euphorisch, mal resigniert. Ich weiß nicht, ob er sich mir anvertrauen will oder ob er einfach nur Angst vor Pausen im Gespräch hat. Seine Biografie wirkt wie ein Praktikum in seiner eigenen Lebenszeit. Er bedankt sich für meine Aufmerksamkeit und drückt mir eine nummerierte Dankesmarke in die Hand. Nummer 38. Später kann ich sie gegen Stille eintauschen.
Und dann dieser Blick. Wieder dieses Fixieren. Er sieht mich an, als hätte er endlich jemanden gefunden, der zuhört. „Weißt du“, sagt er, „ich glaube, ich habe dich schon mal gesehen. Vor zwei Wochen. Am Bahnhof. Du standest allein am Bahnsteig, Kopfhörer im Ohr. Ich habe überlegt, dich anzusprechen.“
Ich spüre, wie mir kurz die Luft wegbleibt. War das Zufall? Oder bildet er sich das ein? Ich kann mich nicht erinnern. Ich schiebe es weg, nicke nur. „aha“ Der Zufall ist höflich genug, keine Quittung zu verlangen.
Die Party rauscht weiter, wir reden noch, aber das Gefühl bleibt. Ein leiser Stich von Irritation. Vielleicht auch Neugier. Katja winkt mir aus der Ferne zu, als wolle sie mich retten. Doch ich bleibe bei Guido stehen und verwirke ihren Rettungsring. Irgendwas an seiner Hartnäckigkeit fesselt mich.
Später. Viel später. Die Party leert sich, die Musik stolpert ins Leere, entschuldigt sich kurz und geht dann nach Hause, Jochen auch. Flaschen liegen wie gefällte Bäume herum, die letzten Zigaretten werden angesteckt. Das Bier schmeckt inzwischen nach Hoffnung ohne Kohlensäure. Katja verschwindet in einem sorgenvollen Blick auf das morgige Aufräumen, Jochen tanzt, langsamer, aber er tanzt, lachend und schwitzend, in die Nacht. Der Bass setzt aus, aber mein Brustkorb spielt weiter.
Nur noch Guido und ich in der Küche, Neonlicht brutal grell, wie im Supermarkt kurz vor Ladenschluss. Wir sitzen auf zwei wackligen Stühlen; sie wackeln synchron, was ich als Teamfähigkeit verbuche. Gläser leer, Worte auch.
Er sieht mich an. Lange. Viel zu lange.
„Weißt du“, sagt er schließlich, „dein Buch… ich kenne es.“
Ich lache nervös. „Unmöglich. Ich hab ja noch nicht mal angefangen.“
Er schüttelt den Kopf, fast mitleidig. „Doch. Du hast es längst geschrieben.“
Er kramt in seiner Tasche, zieht ein zerlesenes Taschenbuch heraus. Mein Name auf dem Cover. Mein Gesicht auf der Rückseite. Ich nehme es, blättere – es ist mein Leben. Jede Szene, jedes Gespräch, genau so, wie es gerade eben passiert ist. Wortwörtlich. In den Marginalien steht: [Der Jackenhügel ist dramaturgisch überzeichnet.] Und: [Den Bass realistischer leiser machen, aber den Brustkorb spielen lassen.]
„Kapitel 12 endet hier“, sagt er, zeigt auf die letzte Seite. Ich sehe nach: Dort steht, schwarz auf weiß:
„Guido reicht ihm das Buch. Er liest. Und versteht.“
Ich schaue hoch – aber der Stuhl neben mir ist leer. Promille überall, Jochen verlässt seinen Körper, keine Spur von Guido. Nur das Buch in meiner Hand, Bierflecken auf dem Umschlag, und das Gefühl, dass ich strange bin. Auf der Rückseite: Danksagung an „Katja, Jochen und den Jackenhügel (Erhebung erster Ordnung)“. Im Impressum steht die Uhrzeit von jetzt. Das Bier schmeckt nach Hoffnung, warmgestellt.
