Aus „Opus Dudes“ – Orakel in Öl
Hinter uns verklang das Chaos der Verhaftung, vor uns lag der Bahnhof, und irgendwo dazwischen standen wir. Mit zu wenig Italienisch, zu viel Restadrenalin und dem diffusen Gefühl, dass das Schicksal an diesem Tag schon genug Personalprobleme hatte. Die hinterher gerufene Wegbeschreibung der Tochter aus dem Imbiss klang nach: lauft, ihr Trottel, bevor es sich jemand anders überlegt.
Piazza Garibaldi. Taxen. Beton. Gedränge. Dieses riesige, gezackte Vordach des Bahnhofs ist ein hässliches Versprechen. Napoli Centrale. Ein Name, der nach Ziel klang, auch wenn wir keins hatten.
Jochen zog den Stadtplan aus der Tasche. Das Ding war inzwischen weniger Karte als nasser Lappen. Ein Dokument aus Zellstoff, Schweiß und Reue. Also holten wir den Reiseführer aus der Stadtbücherei hervor, Ausgabe 1 von 1987, mit abgestoßenem Umschlag und einer Leihfrist, die schon rein moralisch nicht mehr zu halten war. In einer gerechten Welt wären Reiseführer lebendige Wesen, die von Zeit zu Zeit sagen: Hört mal, ich war mal nützlich, aber inzwischen ist hier eine Mauer, wo früher ein Durchgang war. Dieser hier schwieg. Vielleicht aus Würde. Vielleicht aus Bosheit.
Darin stand, man könne mit der Circumvesuviana, der Bahn die dem Golf von Sorrent nachfährt, nach Süden fahren, zu den schönsten Stränden und „Orten des Glücks für Sonnenanbeter“. Solche Sätze werden grundsätzlich von Leuten geschrieben, die entweder schon wieder zu Hause sind oder nie geschwitzt haben.
„Süden klingt gut“, sagte Jochen.
„Glück auch“, sagte ich.
Also stiegen wir in die Bahn.
Die Circumvesuviana war einer jener Züge, die nicht eigentlich fahren, sondern an der Wirklichkeit entlang scheppern. Drinnen roch es nach heißem Metall, Müdigkeit und dieser internationalen Mischung aus Mensch, Staub und Sitzpolster, aus der öffentlicher Nahverkehr gemacht ist. Draußen zog der Vesuv vorbei, breit und finster und mit der Haltung eines Wesens, das längst weiß, dass es in jedem Gespräch der Hauptdarsteller ist, aber höflich genug bleibt, es niemandem unter die Nase zu reiben.
Wir stiegen in Torre del Greco aus, weil es im Kopf nach Meer klang. Manche Entscheidungen trifft man nicht mit Verstand, sondern mit einer Art sprachlichem Aberglauben. Torre del Greco klang nach Salz auf der Haut, nach gebräunten Frauen in weißen Kleidern und vielleicht nach einem Kellner, der einem jeden Wunsch aus der Getränkekarte serviert bevor man ihn überhaupt aussprach.
Was wir fanden, war etwas anderes.
Wir liefen durch enge Straßen immer bergab, zwischen Häusern, die aussahen, als hätten sie sich aus Platzmangel gegenseitig großgezogen. Über uns hing Wäsche, unter uns klebte Staub, und irgendwann blitzte zwischen Mauern tatsächlich Wasser auf. Meer. Dieses eine Glitzern genügte, um sofort wieder an Möglichkeiten zu glauben. Der Mensch ist da erschreckend billig zu haben.
Dann standen wir am Ziel.
Es war kein Strand. Es war die Idee eines Strandes, nachdem sie durch mehrere Behörden und mindestens eine Industriezone gegangen war. Betonplatten. Scharfkantige Steine. Rost. Grauer Schaum, der müde gegen Steine klatschte. Das Wasser schimmerte in allen Farben. Irgendwo klopfte eine leere Öldose gegen Felsen, immer wieder, in einem stumpfen Takt, als hätte jemand unserem Irrtum ein Metronom spendiert. Alles in allem ein Bild ohne jede Motivation.
Jochen blieb stehen, stemmte die Hände in die Hüften und sah aus wie ein Mann, der von Gott persönlich zu einem Termin bestellt und dann versetzt worden war. Er versuchte das Entsetzen einzuordnen.
„Das soll es sein?“
Ich ging noch fünf Schritte weiter, legte den Rucksack ab und ließ mich auf einen Stein sinken. Er war heiß. Natürlich war er heiß. An solchen Tagen fühlte sich die Welt verpflichtet, auch im Detail unfreundlich zu sein.
„Vielleicht ist das hier nur der Vorstrand“, sagte ich.
„Vor was?“
„Vor der Enttäuschung dahinter.“
Jochen nickte ernst. In solchen Momenten bedeutet Freundschaft, dass man einem schlechten Witz nicht widerspricht, weil man spürt, dass darunter schon genug Wahrheit arbeitet.
Wir schwiegen. Das Meer roch seltsam und sprach in jeder Facette nur: „Geht weg“. Hinter allem lag der Vesuv, dunkel, wie ein erhobener Zeigefinger. Vulkane sind ja im Grunde Berge mit Temperament. Sie erinnern einen daran, dass auch Gestein irgendwann die Geduld verliert.
Ich zog meine Zigaretten hervor und klopfte eine aus der Schachtel. Es gibt Menschen, die in Krisen beten. Andere erstellen Listen. Wieder andere rauchen.
Jochen war völlig abwesend und ich erschrak vor einem hektischem „flapflap“ und eine Möwe landete neben mir.
Großes Tier dachte ich. Größer, als einem lieb sein konnte. Weißgrau, gelber Schnabel, Seitenblick eines Wesens, das entweder Fische fraß oder Seelen prüfte. Sie stand da und sah mich an. Nicht Vogelhaft. Gerichtsvollzieherhaft.
Ich sah zurück.
In Büchern kündigen sich bedeutende Augenblicke oft durch Wetterwechsel, Musik oder innere Erschütterung an. In Wirklichkeit beginnt so etwas meist damit, dass man verschwitzt auf einem schlechten Stein sitzt und nicht sicher ist, ob man zu wenig getrunken hat oder zu viel gedacht.
Die Möwe legte den Kopf schief.
Dann krächzte sie:
Manche Früchte hängen so hoch, dass ihr sie nie erreicht. Aber wer nach ihnen sucht, versteht mehr als die, die unten bleiben.
Ich starrte das Tier an.
„Nicht dein Ernst“, murmelte ich. Ich sah mich um, suchte Zeugen.
Die Möwe blinzelte nur. Dann kam der nächste Gedanke, trocken und herablassend, als lese mir ein sehr alter Beamter einen Bescheid vor.
Wer nicht wirft trifft nix
„Mit wem redest du da?“ fragte Jochen.
„Mit niemandem.“
Jochen sah kurz rüber.
„Du redest mit dem Vogel?“
„Der Vogel hat angefangen.“
Jochen nahm die Sonnenbrille ab und sah mich an, wie man jemanden ansieht, der entweder eine Offenbarung oder Sonnenstich hat. In Neapel und Umgebung lag die zweite Möglichkeit statistisch vorne. Dann sah er wieder weg.
Die Möwe machte zwei Schritte auf mich zu. Ihre Krallen klickten auf dem Stein.
Vergebliche Mühen sind nicht umsonst. Sie sind nur teurer als geplant.
Das war so ein Satz, der entweder das Leben erklärte oder von einem sehr zynischen Glückskeks stammte.
„Was meinst du?“ fragte Jochen.
Ich zögerte. „Dass wir Idioten sind, aber auf interessante Weise.“
„Aha“, sagte Jochen. „erzähl das dem Vogel.“
Naja, genau der hatte es mir erzählt. Sollte ich Jochen aufklären, sollte ich mich in der Lage echt zum Irren erklären? Man hätte jetzt Ehrfurcht empfinden können. Oder Demut. Oder wenigstens den Versuch unternehmen, das Ereignis in eine Weltanschauung einzubauen. Doch die Welt ist sparsam mit reinen Momenten. Kaum hatte ich meine Zigarettenschachtel etwas lockerer in der Hand, schnellte das Tier vor, schnappte sie und flatterte mit zwei kräftigen Schlägen davon.
„EY!!“
Einmal kreiste sie über dem Wasser, kippte im Licht zur Seite und war weg.
Ich sah ihr nach.
Jochen sah mich an.
„Was ist passiert?“
„Sie hat meine Zigaretten geklaut.“
Es gibt im Leben Augenblicke, in denen man gern widersprochen bekäme, weil ein Widerspruch die Sache wieder in normale Größenordnungen zurückholt. Das geschah nicht. Stattdessen klopfte draußen die Öldose weiter gegen den Felsen, unerbittlich wie eine schlechte Pointe, die keiner mehr retten kann.
„Hast du noch welche?“ fragte ich.
Jochen kam die fünf Schritte rüber und gab mir wortlos eine Zigarette. Freundschaft besteht zu einem erheblichen Teil daraus, den Wahnsinn eines anderen nicht sofort auszudiskutieren, solange noch Tabak da ist.
Wir rauchten schweigend. Vor uns schäumte das Meer, hinter uns glühte die Stadt, über allem lag der Vulkan. Es war das Gegenteil von Glück, aber immerhin von einer Klarheit, die man nicht missverstehen konnte.
„Und jetzt?“ fragte ich.
Jochen hob den Kopf und sah zum Horizont, als läge dort irgendwo ein Ausschank für Antworten. „Wir suchen weiter. So lange, bis wir finden, was wir wollten.“
Ich wollte fragen, was genau das eigentlich war. Strand, Frauen, Vergessen, Erlösung, gutes Essen, eine Woche ohne Kummer? Irgendeine Form von Beweis, dass das Leben nicht nur aus dummen Zufällen und zu späten Erkenntnissen bestand.
Aber vielleicht war das gar nicht wichtig. Vielleicht musste man manchmal nur weitergehen, bevor der Ort, an dem man gelandet war, anfing, einen zu definieren.
Jochen schlug den Reiseführer wieder auf und blätterte darin herum, ziellos erst, dann weniger ziellos. Schließlich blieb sein Finger an einem Wort hängen.
„Pompeji“, sagte er.
Nur das Wort. Aber wie er es sagte, bekam es Gewicht, als wäre da nicht bloß ein Ort, sondern ein Angebot. Staub statt Öl. Geschichte statt grauer Brühe. Versteinerung mit Würde.
Ich sah noch einmal zum Vesuv hinüber. Er thronte da wie ein riesiger Deckel über allem, und für einen Moment hatte ich das Gefühl, dass in dieser Gegend sogar die Landschaft einen schwarzen Humor besaß.
Wir schulterten die Rucksäcke und gingen zurück Richtung Bahnhof. Jeder Schritt schwer, aber nicht sinnlos. Das ist ein Unterschied, den man mit zwanzig noch nicht benennen kann, aber schon in den Knien spürt.
Hinter uns blieb das Meer, das uns nichts gab.
Vor uns wartete der nächste Ort, an dem vielleicht wieder alles falsch sein würde.
Aber immerhin auf neue Weise.