Laden…

New WORD Order

Home of The Riot Writers & The Riot Reading Club
Join the Club!

Ein Stück Lebenskraft

„Fleisch ist ein Stück Lebenskraft!“ intoniert der ältere Herr mit dem etwas zu rosigen Teint einen Claim der Agrarwirtschaft aus den 70ern. Dabei schwenkt er heiter ein rohes Steak auf einer langen, spitzen Gabel in meine Richtung.

Die 70er sind lange her, aber manches haftet penetrant am Schuh der Geschichte.

Mir ist nach Albernheit zumute. Gleich habe ich sowieso Urlaub.
„War“, sage ich zu Alfons.
„Was?“
„Das Fleisch.“ Ich deute auf den Muskellappen, der noch zwischen uns in der Luft hängt.
„Was ist damit?“, fragt er.
„Es war ein Stück Lebenskraft“, antworte ich.
„Was?“
„Das da, Alfons, ist tot.“ Ich deute auf das Steak. „Der Zustand des Lebewesens, dem dieses Nackensteak als eines von weiteren 20 entnommen wurde, ist eindeutig nicht mit dem Leben vereinbar.“

„Ich heiße Herbert“, erklärt er mir und wirkt verwirrt.
„Kann jeder behaupten“, entgegne ich.
„Aber Fleisch…“, beginnt er, stockt. Ich seufze, weil ich weiß, was jetzt kommt.

„Ihr wollt uns alles wegnehmen! Immer nur verbieten! Welche wie du! Linksgrüne Feministinnen. Schrapnellen ohne Humor! Euch müsste mal einer…“
Ich hebe mahnend den Zeigefinger. Abrupt klappt er den Mund zu. Blinzelt überrascht. Man kann ihn denken sehen.
Ich senke die Hand.
„Cancel culture!“ zischt er, als es wieder geht.

„Du machst Dir keine Vorstellung, Alfons“, sage ich langsam und lächle ihn an.
„Ich heiße Herbert!“
„Alfons, Herbert… am Ende ist es völlig egal, Alfons, da fressen Dich die Würmer. Dann bist Du ein Stück Lebenskraft.“

Sein Kopf hat inzwischen eine beeindruckend intensive Fleischsaftfärbung angenommen und eines seiner Augen blinzelt schneller als das andere.
„Ekelhaft!“, spuckt er mir entgegen.
Ich nicke. „Wem sagst du das!“

Eine Fliege umkreist das Steak, das Herbert-Alfons nach wie vor in die Luft hält, wie eines der albernen Fähnchen, die er gerne schwenkt. Wir schauen beide zu, wie sich das Insekt auf die Fleischscheibe setzt.
„Wenn sie darauf Eier legt, schlüpfen in einer Stunde Maden“, sage ich.

Er schüttelt das Steak, um die Fliege zu vertreiben. Dann wirft er es triumphierend auf den Grill und sieht mich herausfordernd an. Ich grinse. Die Fliegen hat Zeit. Und ihre Schwestern sind Legion. Wir hören zu, wie verdampfendes Wasser und Fett vor sich hin zischen.

„Schweine sind Allesfresser, Alfons – genau wie Du“, sage ich kurz darauf, denn wir müssen schließlich weiterkommen. „Wenn du im Stall tot umkippst…“
„Hau ab!“ schnauzt er mich wütend an.
„Geht nicht. Hab Dienst“, antworte ich mit einem Schulterzucken.

Er schnaubt: „Solche wie du arbeiten? Is‘ ja mal was ganz Neues! Was arbeitest Du denn?“
„Bin in der Fleischbranche“, antworte ich.
Er lacht abfällig und schüttelt den Kopf.
„Bist nicht gut, wenn du Leuten ihr Steak madig machst“, sagt er und runzelt die Stirn. Alfons hat Kopfkino. Er verzieht das Gesicht.
„Och, geht so“, entgegne ich.
Er wendet das Nackensteak um. Es zischt wieder lauter.

„Dein Fleischverbrauch ist seit 1984 konstant, Alfons“, sage ich.
Er lächelt und nickt. „So muss das!“, ruft er stolz. Dabei rollt er den Kopf und streckt den linken Arm.
„Verspannt?“, frage ich.
Alfons nickt seufzend: „Schon ein paar Tage. Vergeht wieder.“
„Sicher. Schweinefleisch macht daran den größten Anteil aus“, fahre ich fort. „Du konsumierst 87,5 % davon als Wurst.“
Und wieder nickt er fröhlich. Wir sind uns einig.

„Wurst ist ein Kulturgut!“, erklärt er mir.
Ich winke ab.
„Vor allem ist Wurst ein hochverarbeitetes Lebensmittel, das Entzündungen und Gefäßschäden fördert und signifikant das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht“, entgegne ich. Aufklärung ist wichtig.
„Jetzt fang nicht schon wieder an!“, knurrt er.

„Du säufst übrigens auch zu viel, Alfons“, stelle ich fest.
Er reißt den Kopf hoch, der nun die gleiche Farbe hat, wie ein wirklich wütender Puter. Wir biegen auf die Zielgerade ein.
„Herbert! Ich heiße Herbert! Es geht Dich einen Scheiß an, was ich esse oder trinke. Verpisst Dich endlich oder muss ich Dich persönlich rausschmeißen?“, schreit er mich an und fuchtelt mit seiner Grillgabel vor mir herum.

„Hab’s gleich, Alfons“, winke ich ab.
„Du kannst seit zwölf Jahren deine Geschlechtsteile nur noch im Spiegel sehen. Irene findet dich so anziehend, wie ein überfahrenes Eichhörnchen“, teile ich mit.
Ich serviere meinen Coup de Grâce gerne als Vorschlaghammer.
Er wirft sein Grillbesteck weg, will auf mich los, aber statt Action kommt nur ein würgender Ton. Alfons sieht mich verdutzt an.

Es endet abrupt.

Ich ziehe ein Klemmbrett hervor. Jemand hat den Kuli mit einem Schnürsenkel daran festgebunden, damit er nicht verloren geht. Alfons wird abgehakt.

Hinter dem Grill rappelt sich mein letzter Kunde hoch. Er blickt nach unten, dann zu mir, wieder nach unten. Manchen fällt es leicht zu akzeptieren, bei andern dauert es etwas.
„Meine Frau heißt Sigrid“, sagt Alfons schließlich.
„Egal.“, antworte ich. „Das mit den Geschlechtsteilen stimmt. Und nun mach hinne, ich habe gleich Dienstschluss und dann zwei Wochen Urlaub.“

„Was?“, fragt er.
Er ist von der besonders langsamen Sorte.
„Du bist tot, Alfons. Schluss mit Lebenskraft. Ich bin die Schnitterin vom Dienst. Fleischbranche… verstehste?“, ich zwinkere ihm übertrieben zu.
„Du hast eben den Löffel abgegeben. In Deinem Fall: die Gabel.“

„Wie?“, fragt er noch immer verwirrt.
„Sofortiger Herzstillstand.“, antworte ich. „Zu viel Schweinefleisch, zu viel gesoffen, zu wenig Bewegung… das Übliche.“
„Aber…“

„Papperlapapp. Komm jetzt, Alfons“, sage ich und mache mich auf den Weg.
Noch einen Moment bleibt er vor seinem Grill stehen. Nichts zischt mehr.
„Das Steak!“ jammert er, während er mir hinterherläuft.
„Kümmert sich die Fliege und ihre Schwestern drum,“ sage ich.

„Jetzt ist es tot gebraten!“

Wir sind fast da.