Rituale kollektiven Unbehagens
„Was übernimmst du?“, frage ich zum 10. Mal.
„Ich kann mich nicht entscheiden.“, antwortet mein Mann.
Kann oder will, das ist hier die Frage!
So kommen wir nicht weiter.
„Lass uns eine Liste machen.“, schlage ich vor. Ich bin ein großer Fan von Listen.
„Wozu?“, will das Licht meines Lebens wissen. Er hält nichts von Listen, denn er sieht sich als Beherrscher des Chaos. Kapitän auf den Wellen des Wahnsinns.
„Pro & Contra.“, antworte ich.
„Da gibt’s kein Pro.“, mault der Holde.
Ich krame einen karierten Block und Schreibzeug aus der Schublade. Der dritte Kugelschreiber funktioniert, die andern werfe ich zurück. Geht nichts über einen gut organisierten Haushalt!
Mit einem entschlossen geführten, senkrechten Strich halbiere ich das Blatt und weiß nicht weiter.
„Vielleicht schreiben wir zuerst die Gemeinsamkeiten auf?“, schlage ich vor. Dafür ernte ich ein Grunzen, das Zustimmung bedeuten kann. Also lege ich los.
„Beides sind Versammlungen.“, schlage ich vor.
„Mit unmotivierten, schlecht gelaunten Leuten.“, wirft mein Mann seine zehn Cent dazu.
„Von denen man die Hälfte nicht kennt und mit der andern nichts zu tun haben will.“, ergänze ich.
„Rituale kollektiven Unbehagens.“, sagt er.
„Eloquent, der Herr!“ komplimentiere ich und recke den Daumen nach oben.
Wir nicken beide zufrieden.
„Man muss sich ordentlich anziehen.“, sage ich.
„Ich zieh an was ich will.“ behauptet er.
„Nein, machst du nicht. Biste viel zu konformistisch dazu.“, erwidere ich.
„Gar nicht!“
„Wohl!“
„Mach weiter.“ knurrt er mich an.
„Konkurrenzdruck.“, fällt mir ein.
„Peinlicher Small Talk.“, fügt der Gatte unseren gesammelten Werken bei.
„Erfolgs- und Kompetenzposing. Ritualisierte Selbstdarstellung. „, murmle ich, während ich es hinschreibe.
„Man trinkt danach zu viel Wein.“
„Du trinkst keinen Wein.“, stelle ich fest.
„Dann halt Bier.“
Er gestikuliert mit ausgestrecktem Zeigefinger Richtung Liste, damit ich es hinschreibe.
„Überhaupt wird in dieser Gesellschaft zu viel gesoffen.“, sage ich
„Bleib beim Thema!“
„Is doch wahr.“ grummle ich.
„Ja, aber darum geht’s jetzt nicht. Schreib’s hin.“
Ich starre auf unsere Liste und schüttle den Kopf. Es ist sinnlos. Wer soll bei dieser Katastrophensammlung „ja“ zu irgendwas sagen?
„Eben.“, kommentiert mein Mann die Geste.
„Eines ist am frühen Nachmittag, das andere am Abend.“, schlage ich vor und greife nach Strohhalmen.
„Und?“
„Für eines muss man sich extra frei nehmen, das andere kann man in der Freizeit erledigen.“, sage ich.
„Hurra.“ kommentiert der Herr Ehemann trocken.
Ich gebe auf.
„Tick, Trick und Track?“, frage ich.
„Was?“
„Na das mit Papier, Schere, Stein.“.
„Das heißt Papier, Schere, Stein. Wieso sollte ein Spiel wie die Neffen von Donald Duck heißen?“
Ich schnaufe genervt, dann fällt es mir wieder ein: „Schnick, schnack, schnuck!“
„Ach so. Das.“
„Ja. Wollen wir?“
Wir spielen. Drei Runden. Ich gewinne mit 2:1.
„Und jetzt?“, fragt mein Mann.
„Keine Ahnung.“, sage ich.
Wir haben vergessen festzulegen, was der Gewinner macht und was der Verlierer tun soll.
Am Ende entscheiden unsere jeweiligen Überstundenkonten, wer sich Tagesfreizeit gönnen kann.
… Drei Tage später…
Die Tagesthemen laufen, als ich ins Wohnzimmer komme.
Der Gatte sitzt schon mit einem Bier auf der Couch. Ich nehme ihm das Glas aus der Hand und genehmige mir einen ordentlichen Schluck.
Ingo Zamperoni sagt: „… nimmt die Tochter von Markus Söder als Kandidatin an der Show „Deutschlands dümmster Promi“ teil.“
„Wenn man da zusagt mitzumachen, hat man doch automatisch gewonnen.“, kommentiere ich, bevor ich wieder auf Durchzug schalte. Die Welt brennt, ich weiß. Aber ich habe jetzt Feierabend.
Mein Mann gluckst.
„Wie war’s?“, fragt er.
„Erwartungsgemäß.“, antworte ich. „Schlimm. Und bei dir?“
„Schrill.“
„Erzähl!“
Guter Tratsch geht immer.
„Gab Stress wegen der Sitzordnung und weil Handys nicht ausgeschaltet waren.“
„Wie bei mir“, antworte ich. „Mindestens einer ist immer zu wichtig, um sein Telefon auszumachen.“
„Oder zu doof.“
„Oder das.“
Mein Mann dreht sich zu mir und fragt grinsend: „Haben sie bei dir auch mit Sachen geworfen?“
„Nö. Kann ich nicht toppen. Wer und was?“, will ich wissen.
„Kennst du Dr. Schulze?“
Ich schüttle den Kopf. Meier/Müller/Schmidt/Schulze… Sammelbegriffe. Da hilft auch ein akademischer Titel nichts.
„Der immer völlig overdressed im dreiteiligen Anzug und den Handgenähten rumläuft?“, fragt er mich mit hochgezogenen Augenbrauen.
Es dämmert in den schaurigen Tiefen meiner Erinnerung.
„Mit Hühnerfedern am Hut? Der mir jedes Mal die Hand zu küssen versucht?“, frage ich.
„Genau der.“
„Der hat was geworfen? Ich bin schockiert!“, gebe ich mich erschüttert.
Leider habe ich gar kein schauspielerisches Talent.
„Nein. Den hat was getroffen!“ teilt der Herr Ehemann triumphierend mit.
Nun bin ich gespannt und frage, weil man auch flache Witze mitnehmen muss: „Der Schlag?“
Der Gatte schnaubt und schüttelt grinsend den Kopf.
„Beinahe. Aber erst nachdem ihn Marianne, die Frau von Bertram, einen schmierigen Lappen genannt und ihm ihre Clutch an die Birne geworfen hat.“
Ich bin beeindruckt. Einen Moment lang. Bis eine verstörende Beobachtung meine Aufmerksamkeit ablenkt:
Seit wann benutzt mein Angetrauter außerhalb seines beruflichen Umfeldes Fachterminologie?
„Woher weißt du, was eine Clutch ist?“, frage ich mit argwöhnisch zusammengezogenen Brauen.
„Wir haben eine Tochter.“, erinnert er mich.
Ja, da war was.
„Kann mich dunkel erinnern, sie zur Welt gebracht zu haben.“, bestätige ich.
„Kürzlich wurde ich von unserem Teenager während einer Autofahrt in maschinengewehrfeuerähnlicher Sprachgeschwindigkeit über die unterschiedlichen Sortenbezeichnungen von Handgepäck aufgeklärt. Mir wurde dringend angeraten, mich künftig korrekt und zivilisiert auszudrücken und nicht wie ein Höhlenmensch einfach nur „Beutel“ zu sagen.“, erläutert mir der Holde stolz seinen Erkenntnisgewinn.
„Oha!“, sage ich beeindruckt.
„Kommen wir nochmal zurück zu fliegenden Beleidigungen und Kleinlederwaren.“, beginne ich meinen nächsten Satz mit Verve, um dann hart abzustürzen: „Warum?“
Der Gatte räuspert sich, um noch etwas Zeit zu schinden und Spannung aufzubauen.
„Ich war leider nicht Zeuge der Vorgeschichte, aber wie ich den laut vernehmlichen Erläuterungen von Marianne entnehmen konnte, scheint der gute Doktor großen Gefallen an ihrem Dekolleté gefunden und das nicht nur verbal sondern auch haptisch zum Ausdruck gebracht zu haben.“, berichtet der Mann.
„Der verhinderte Lord ist ein Grapscher!“ rufe ich und huldige Mariannes Kampfgeist nachträglich und trotz Abwesenheit: „Marianne, mein Riot Grrl!“
Als ich mich wieder beruhigt und noch einen Schluck Bier genommen habe, fragt mich der Holde: „Und bei Dir?“
„Ich will nicht drüber reden.“, knurre ich.
„Schlimmer als Randale und Schlägerei auf der Beerdigung von Großonkel Harald kann’s nicht sein.“ behauptet er.
Ha, viel zu optimistisch gedacht, mein Lieber!
„Ich hab an der falschen Stelle gezuckt.“, gestehe ich schließlich.
„Oh nein!“ Er reißt die Augen auf. „Was ist passiert?“
Ich fuchtele mit den Armen durch die Luft, um die überwältigende Gesamtsituation zu beschreiben, in der mir das Missgeschick unterlaufen ist.
„Du weißt wie das ist. Alle ducken sich weg, studieren ihre Notizen, scharren mit den Füßen… Ich hatte Hunger, war genervt und musste aufs Klo. Das zog sich immer länger und länger… da sind mir die Nerven durchgegangen und ich hab gesagt ich mach’s.“
So, jetzt ist es raus. Hat fast gar nicht weh getan
„Schatz!“ spricht die Liebe meines Lebens mit vor Gram schwerer Stimme. „Wie lautet die erste Regel des Erziehungsberechtigten-Clubs bei der Wahl der Elternvertreter?“
„Sag nichts.“, murmle ich dumpf.
„Du hast versagt. Du hast unseren Ruf als coole Eltern zerstört!“ urteilt mein Gatte. Ich nicke deprimiert.
Wir schweigen eine Weile.
Schließlich nehme ich ihm das Bierglas aus der Hand und trinke den letzten Schluck aus.
„Nächstes Jahr gehst du zum Elternsprechtag!“