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Sterben am Strand

Ich lag in einer Schale aus Wasser, die das Meer am Strand vergessen hatte.
Nicht tief genug, um mich zu tragen. Nicht flach genug, um schon Land zu sein. Ein
unentschlossener Ort, wie ihn die Welt manchmal hervorbringt, wenn sie kurz keine
Lust hat, eindeutig zu sein. Unter mir der Sand, weich und kalt, darüber der
Himmel, matt wie altes Silber. Jede Welle kam heran, legte mir für einen Moment
ihre Hand an die Seite und zog sie wieder zurück, als wolle sie sagen: Ich bleibe
nicht, aber ich weiß Bescheid.
Das war freundlich.
Der Morgen roch nach Algen und klang nach der feuchten Stille, die nur Küsten
kennen, bevor Menschen auftauchen und beginnen, Schilder aufzustellen. Das
Wasser gluckste in kleinen Falten um mich herum. Es war kaum Bewegung darin,
nur ein leises Atmen, ein Kommen und Gehen, als übe die Welt noch einmal die
einfachsten Dinge.
Ich lag da und sah den Himmel an. Ich seufzte lang und erschöpft.
Vögel zogen über mich hinweg, schwarze Striche auf grauer Leinwand. Sie
kommentierten nichts, den Vögel besitzen diese seltene Höflichkeit. Einer von
ihnen, eine Möwe, landete einige Meter entfernt.
Sie betrachtete mich mit dem professionellen Interesse eines Bestatters und tat
dann, was alle vernünftigen Geschöpfe tun, wenn sie etwas Großes und
Endgültiges sehen: Sie wartete.
Die Kälte kroch langsam in mich hinein, aber nicht unangenehm. Sie kam eher wie
eine alte Bekannte, die sich nicht ankündigt, weil man wusste, dass sie kommen
würde. Das seichte Wasser hob und senkte sich an mir, in kleinen, vergeblichen
Gesten. Manchmal schob eine Welle mir etwas Tang an die Seite, als brächte sie
Blumen.
Ich hätte mir keinen besseren Ort aussuchen können.
Es gab keinen Pomp, keine Zeremonie, keine letzte große Rede. Nur Sand.
Wasser. Himmel. Ein paar Muscheln, deren ganze Lebensphilosophie darin
bestand, geschlossen zu bleiben. Sehr kluge Tiere, diese Muscheln.
Dann erschien oben auf den Dünen der erste Mensch.
Er blieb stehen.
Das war der Moment, in dem die Natur einen Fehler machte: Sie gab ihm Zeit zum
Nachdenken.
Er hob die Hand vor den Mund, zog sein Telefon heraus und begann, mit einer
Mischung aus Panik und Begeisterung zu sprechen, die Menschen immer genau
dann entwickeln, wenn sie glauben, Zeugen von etwas Bedeutendem zu sein und
gleichzeitig hoffen, dass es in ihr Profilbild passt.
Bald kamen mehr.
Erst einzeln, dann in Paaren, dann in jenen kleinen beweglichen Klumpen, in denen
Menschen auftreten, sobald sie das Wort „Notfall“ gehört haben. Sie standen am
Strand, zeigten auf mich, hielten ihre Telefone hoch, senkten sie wieder, um noch
eindrucksvoller besorgt auszusehen, und sie redeten alle gleichzeitig.
„Man muss etwas tun!“
Das ist der Urschrei des Menschen.
Nicht: „Was geschieht hier?“
Nicht: „Verstehen wir es?“
Nicht einmal: „Sollten wir vielleicht für fünf Sekunden einfach mal die Klappe
halten?“
Nein.
Man muss etwas tun.
Der Staat kam überraschend schnell. Das tut er manchmal, wenn es darum geht,
Dinge abzusperren, die vorher allen egal waren. Wagen rollten heran, Türen
klappten, Menschen in Funktionskleidung stiegen aus und entrollten Flatterband mit
der Feierlichkeit von Priestern, die eine besonders billige Liturgie zelebrieren.
Rot Weißes Band wurde in den Sand gesteckt. Pfosten. Schilder. Ein Mann mit
ernster Stirn sprach von „Schutz“, „Respekt“, „Ethik“ und „Würde“.
Meinte er wirklich mich?
Ich war beeindruckt. Nicht, weil irgendetwas davon half, sondern weil der Mensch
sogar Würde noch bürokratisieren kann. Man hatte im Namen meines Schutzes
eine kleine Grenze errichtet, damit ich in Ruhe von einer zuständigen Entfernung
aus bestaunt werden konnte.
„Bitte treten Sie zurück“, sagte jemand. „Es wird eine Bannmeile eingerichtet.“
Bannmeile.
Ein schönes Wort. Es klang nach alten Königen, Flüchen und Zauberern. In
Wirklichkeit war es ein flatterndes Band, das bei Wind aussah, als versuche es,
selbst zu fliehen. Sein Geräusch fing bald an zu nerven.
Die Menge murrte.
Vor allem eine Gruppe Frauen am Rand. Endfünfziger, gelangweilt, wetterfest
gekleidet, mit einer Aura der Zerstörung die offenbar aus den Überresten mehrerer
gescheiterter Selbsterkenntnisprozesse gewoben war. Sie hatten die Haltung von
Menschen, die einmal im Monat einen Buchclub besuchen und dort hauptsächlich
Wein trinken und intellektuell klingende Klagen formulieren.
„Das ist doch unmenschlich“, sagte eine.
Sie hatte sogar Recht. Das hier war nicht menschlich.
„Wir dürfen da nicht hin?“, fragte eine andere. „Zu dem armen Wesen?“
„Aus Schutzgründen nicht“, sagte der Mann vom Staat.
„Schutz?“, fauchte die Erste. „Das ist Freiheitsberaubung!“
Wessen Freiheit genau beraubt wurde, blieb unklar. Meine vermutlich nicht. Ich
hatte mich bisher nicht über mangelnden Zugang zu Frauen mit
Klangschalentrauma beschwert.
„Wir sind Bürgerinnen!“, rief eine Dritte.
Das, genau das, war offenbar die höchste bekannte Lebensform.
Dann geschah, was immer geschieht, wenn Menschen auf eine Grenze stoßen, die
nicht ihren eigenen Vorteil schützt. Sie erklärten sie für moralisch ungültig.
„Wir lassen uns nicht verbieten zu helfen!“
Der Mann vom Staat erklärte die Situation, erntete aber nur wütendes Köpfe
Schütteln. „Wir kommen wieder!“ drohte eine von ihnen.
Das Flatterband wurde schon eine Stunde später durch einen Bauzaun ersetzt.
Die Frauen kamen wieder, zögerten kurz angesichts der neuen Hürde aber
ignorierten auch die. Dann rückten sie vor, wie eine Selbsthilfegruppe mit
Räumfahrzeug.
Der Zaun kippte um.
Der Staat war empört. Nicht schnell genug, um sie aufzuhalten, aber sehr schnell
darin, empört zu sein. Die Frauen stapften durch das seichte Wasser auf mich zu,
bewaffnet mit Handtüchern, Thermoskannen und einem unerschütterlichen
Glauben an die Heilkraft ihrer Anwesenheit.
„Wir sind bei dir!“, rief eine.
Das Wasser um mich herum wurde schlagartig kälter.
Eine kniete neben mir nieder und legte beide Hände auf mich. „Er spürt, dass wir
ihn lieben.“
Ich spürte vor allem, dass sie kalte Finger hatte und nach Lavendel roch, ein Duft,
mit dem Menschen alles übertünchen, was sie nicht verstehen: Motten, Müdigkeit,
eine Ehe.
Eine andere begann zu weinen.
Nicht still. Still weinen wäre ja eine intime Handlung gewesen, und intime
Handlungen sind bei Menschen nur dann beliebt, wenn ein Publikum anwesend ist.
Sie weinte groß und gesellschaftlich verwertbar.
„Ich kann das nicht sehen“, sagte sie und sah sehr gründlich hin.
Die selbst ernannten Experten folgten. Männer mit Outdoorjacken. Frauen mit
laminierten Ausdrucken: Die Weissagung der Cree. Krass dachte ich, und war
wirklich beeindruckt. Ich dachte das hätten die alle komplett vergessen. Sie alle
trugen diesen gläsernen Blick der frisch Zuständigen.
„Ich habe Erfahrung damit“, sagte einer.
„Woher?“, fragte jemand.
„Ich war 2018 in Island.“
Das reichte.
Jemand schüttete mir Wasser über den Rücken. Jemand anderes hielt mir ein
Mikrofon entgegen. Ein Mann erklärte, man müsse mich „stabilisieren“, als sei ich
ein wackelnder Schrank. Eine Frau versuchte, Augenkontakt aufzunehmen, was
schwierig war, weil sie nicht wusste, wo mein Auge war, aber sie machte es mit
Hingabe falsch.
Die Medien kamen als Nächstes.
Sie näherten sich mit der ökologischen Sensibilität einer Planierraupe. Kameras
wurden aufgebaut. Kabel lagen im Sand wie schwarze Würmer. Eine Reporterin
stellte sich vor die verbeulte Bannmeile und sprach mit tiefer Stimme:
„Ein bewegender Morgen an der Küste. Behörden bemühen sich, Schaulustige
fernzuhalten, während freiwillige Helfer alles tun, um ein Leben zu retten.“
Das war schön formuliert.
Es hatte nur den Nachteil, dass es fast nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatte.
Hinter ihr stritten zwei der Klangschalentraumatisierten Schrullen mit einem
Beamten über Grundrechte. Ein Mann rutschte im Wasser aus und fiel auf eine Art,
die bewies, dass Würde keine menschliche Grundeigenschaft ist. Jemand rief:
„Nicht anfassen!“, während er mich anfasste. Ein anderer rief: „Ruhe bitte!“, durch
ein Megafon.
Die Möwe sah mich an.
Ich sah zurück.
Zwischen uns entstand ein Einverständnis, das keine Sprache brauchte. Sie dachte
vermutlich: Ihr habt das Meer, die Luft und die Strände ruiniert, und jetzt ruiniert ihr
sogar das Sterben.
Ich hätte ihr gern widersprochen.
Aber wozu lügen?
Die Bannmeile wurde wieder errichtet, diesmal größer. Mehr Zaun. Mehr
Sichtschutz. Mehr Staat. „Aus Gründen des Wohls“, sagte jemand.
Das Wohl lag derweil im seichten Wasser und bekam eine Decke über einen
Körperteil gelegt, der keine Decke benötigte.
Die Frauen durchbrachen auch die zweite Absperrung.
Diesmal mit Verweis auf „Zivilcourage“.
Ein wunderbares Wort. Es bedeutet, soweit ich es verstehen konnte: Ich tue genau
das, was ich ohnehin tun wollte, aber mit besserer Beleuchtung.
„Wir haben ein Recht auf Nähe!“, rief eine.
Da lag der Kern. Nicht Hilfe. Nicht Respekt. Nähe. Der Mensch will allem nahe sein,
besonders dem, was leidet. Aus sicherer Entfernung fühlt es sich nicht genug nach
ihm selbst an.
Das Meer zog sich weiter zurück.
Das Wasser wurde flacher um mich. Die Wellen erreichten mich nur noch in müden
Zungen. Der Sand hielt mich fest, nicht grausam, nicht freundlich, nur endgültig.
Über mir hing der Himmel wie ein Tuch.
Ich war müde.
Nicht auf die kleine Weise, wie Menschen müde sind, wenn sie sechs E-Mails
beantwortet haben und danach ein Sabbatical benötigen. Ich war alt müde. Tief
müde. Welt müde. Eine Müdigkeit, die nicht schlafen will, sondern aufhören.
Doch um mich herum tobte der Hilfsapparat.
Sie planten, berieten, filmten, posteten, retteten. Sie gaben Interviews. Sie
sprachen von Hoffnung. Hoffnung ist das Lieblingswort derer, die anderen nicht
erlauben wollen, fertig zu sein. Sie sprachen mit allen. Nur nicht mit mir.
„Wir bringen ihn zurück“, sagte der Island-Experte.
Zurück. Alter, wenn ich Fäuste hätte würde ich ihm eine ballern.
Zurück in das Wasser, aus dem ich gekommen war. Zurück in das große, dunkle,
durchpflügte, vermüllte Blau. Zurück zwischen Netze, Motoren, Öl, Plastik, Lärm.
Zurück in die Suppe aus ihren Bequemlichkeiten. Zurück in das Meer, das sie auf
Kalender drucken, während sie es mit allem füllen, was ihnen aus den Händen und
Einkaufstüten fällt.
Ich hatte mich nicht verirrt.
Ich war nicht gestrandet.
Ich hatte den Weg gewählt.
Ich war hierhergekommen, um zu sterben.
Das Chaos ringsum hatte keine Würde, keine Stille, keinen Respekt und keine
Ethik. Es hatte Kameras, Absperrband, kalte Hände, Meinungen und einen Namen.
Der Mensch.