Unter dem Berg
Die Investoren mit den großen Plänen waren weg.
Der Tower war dicht, das Tor verriegelt und das Logo an der Spitze des Hochhauses leuchtete nicht mehr in die Nacht.
Es überraschte niemanden.
Unmittelbar nach der Eröffnungsfeier mit den großen Versprechen von Start-ups, Innovation, Joint Ventures und einer strahlendenden Zukunft, war es still geworden. Man sah nachts Licht in den Fenstern, hörte die Ventilation. Limousinen und Transporter mit abgedunkelten Scheiben fuhren vor und wieder weg, aber die Investoren blieben anonym und unter sich. Bis sie plötzlich verschwanden.
Die Büsche wucherten, das Unkraut auch.
Im Umkreis des Towers beklagten Anwohner es gäbe Ratten. Manche behaupteten, es seien die größten, die sie je gesehen hatten. So groß wie Katzen. Manche sagten, sie seien nackt. Schwarz, ohne Fell. Leute behaupten immer viel, wenn es um Ratten geht. Die Stadt schickte einen Kammerjäger. Der stellte fest, dass es keine Ratten gab. Auch keine Katzen. Rings um den Tower gab es gar keine Tiere. Die Zeitung schrieb einen Artikel, in dem ein Biologe erklärte, die vollständige Abwesenheit von Lebewesen sei eine Anomalie. Vielleicht sogar besorgniserregend. In den Kommentarspalten hieß es, das sei Quatsch oder eine dreiste Lüge. Jeder kenne den schlechten Ruf des Stadtteils. Natürlich gebe es da Ratten! Überall.
Etwas später schrieb die Zeitung einen Artikel, weil die Stadt ein Betretungsverbot für den Tower verhängte. Niemand durfte auf das Gelände und schon gar nicht ins Gebäude. Die verschlossenen Tore und der Zaun wurden mit Flatterband behängt. Ein Schild teilte mit: Gefahr für Leib und Leben! In einem der Obergeschosse stand seit Monaten ein Fenster offen. Ein schwarzes Loch ins Nichts. Manche machten sich Sorgen um die Bausubstanz und die Stabilität des Towers. Die Investoren blieben unerreichbar, die Besitzverhältnisse ungeklärt. Da könne man bis auf Weiteres nichts machen, sagte die Verwaltung. In den Kommentarspalten wurden Witze gerissen. Das Beste, was dem Stadtteil passieren könne, sei, wenn der Tower umfallen und die anderen Hochhäuser mit einreißen würde.
Jeden Dienstag und Donnerstag stand der Mann mit dem Hähnchengrill am Eingang des Stadtteils, gegenüber der Bushaltestelle. Seit Jahren war das sein Platz. Wenn die Leute nach Hause gingen, nahmen sie seine Hühner und Pommes mit. Man kannte sich und wartete auf ihn. An einem Donnerstag gab es keine Hähnchen. Das Auto war da, der Grill an, die Kühlschranktür stand offen, kein einziger Vogel lag darin. Vom Mann und seinen Hähnchen fehlte jede Spur.
Zwei Tage später fand jemand in der Nähe des Towers einen Schuh. Sowas kann vorkommen, aber um diesen kreisten Fliegen, denn es steckte noch ein Fuß darin. Der gehörte zum Hähnchenmann. Die Polizei ermittelte, die Zeitung schrieb eine Reihe von Artikeln. Wo der Rest von ihm abgeblieben und wie ihm der Schuh nebst Fuß abhandengekommen war, blieb jedoch ungeklärt. In den Kommentarspalten hieß es, dort oben auf dem Berg verschwänden doch dauernd Leute. Da regiere Gewalt und Verbrechen!
Das stimme nicht, ließ der Stadtteilverein in einer empörten Pressemitteilung wissen und zitierte die amtlichen Polizeistatistiken. Man lobte die großartige Aussicht, die Nähe zur Natur, den Wald und die Weinberge. Die Zeitung machte einen Artikel daraus. In den Kommentarspalten hieß es trotzdem, niemand wolle auf den Berg und wer es dennoch müsse, der zöge so schnell wie möglich wieder weg. Wegen des schlechten Rufes. Es gäbe dort viele Ratten und abgetrennte Füße lägen auf der Straße herum. Manche verschwanden und ließen ihre ganze Habe zurück. Aber das fiel nur auf, wenn Rohre platzten oder Verbindlichkeiten zu lange unbedient blieben.
In den Hochhäusern gingen Gerüchte um. Unheimliche Geräusche wurden dem Gebäudemanagement gemeldet. In den Wänden kratzte und schabte etwas. Manche sagten, sie hätten Zischen und Scharren aus den Schatten gehört. Ein Lokalhistoriker erwähnte in einem Zeitungsartikel Rohrsysteme, die beim Bau der Hochhaussiedlung verlegt worden waren. Der Müll sollte ohne Zwischenlagerung direkt in die Müllentsorgung weiter unten am Berg gesaugt werden. Das Konzept sah auf dem Papier gut aus, in der Praxis verstopften die Rohre, die Steigung reichte nicht, der Saugdruck war zu gering. Die Anlage kostete zu viel, wurde kurz nach ihrer Inbetriebnahme gleich wieder stillgelegt und vergessen. In den Kommentarspalten wussten sie, dass in solchen Rohren natürlich Ratten lebten. Vielleicht auch Waschbären. Jedenfalls was Invasives. Wisse doch jeder!
Das Gebäudemanagement stritt ab, dass es sich um Tiere handelte. Eine ganze Weile stritt es sogar ab, dass es überhaupt Geräusche gab. Erst als eine Volontärin der Lokalzeitung Tonaufnahmen anfertigte und eine Serie von Interviews mit den Bewohnern führte, beauftragte die Stadt ihre kommunale Wohnungsbaugesellschaft mit der Untersuchung der Phänomene. Es sei der Wind, hieß es einige Monate später. Der verfange sich in den Verkleidungen, das könne zu irritierenden Eindrücken führen, sei aber völlig harmlos. Die Kommentarspalte diskutierte über die Gefahren von Eternitverkleidungen und Asbestentsorgung. Eine Begehung der Anlagen wurde abgesagt, weil weder Ortsbeiräte noch Stadtteilverein sich meldeten, um einen Termin abzustimmen.
Dann beschwerten sich die Busfahrer. Sie wollten ihre Pause nicht mehr an der Wendeplatte am Ende des Stadtteils verbringen. Man fühle sich da nicht sicher hieß es. Die meisten Straßenlaternen seien ausgefallen, kein Mensch weit und breit zu sehen. Die Lokalzeitung berichtete. Die Kommentarspalte quoll über von Stimmen, die es schon immer gewusst hatten: Niemand sei da oben sicher!
Der kommunale Haushalt verlangte ohnehin Einsparungen, also strich die Stadt alle Verbindungen nach Einbruch der Dunkelheit und kündigte die Erarbeitung eines Sicherheitskonzeptes an. Kurz darauf hielt der Bus nur noch an einer Haltestelle direkt am Eingang des Stadtteils, wendete und fuhr wieder davon. Das störte niemanden. Die Busse waren inzwischen sowieso leer.
Üble Gerüche waberten über die Plätze, drangen aus allen Öffnungen, verpesteten die Luft in den Fluren und Wohnungen. Das Summen der Lüftungsanlagen wurde vom Summen der Fliegen abgelöst. Nachts leuchtete kein Licht mehr aus den Wohnungen. Die Siedlung verschwand in der Dunkelheit. Niemand beschwerte sich. Niemand berichtete. Niemand kommentierte. Es fiel nicht auf. Es gab Wichtigeres, über das gesprochen werden musste. Erst verschwanden die Enten und Schwäne am Fluss. Daran seien die Nilgänse schuld, hieß es. Die seien eine invasive Art und vermehrten sich so stark, dass sie alle anderen Arten verdrängen. Aber dann verschwanden auch die Nilgänse und eine Bürgerinitiative beschuldigte die Stadt die Tiere illegal zu ermorden. Auszurotten! Die Kommentarspalten unter den Zeitungsberichten quollen über vor Tierliebe und Verschwörungserzählungen.
Schließlich meldete sich ein Geschäftspartner der Investoren. Sein Unternehmen sei auf biologische Gefahrenstoffkontrolle spezialisiert und sehe sich zur Wahrung der öffentlichen Sicherheit sowie aus haftungs- und versicherungstechnischen Gründen verpflichtet, die Verwaltung zu informieren. Mehrere Wartungsintervalle für gelieferte Einrichtungen bei einem im Tower ansässigen biotechnologischen Entwicklungszentrum seien überschritten worden. Man bemühe sich schon eine Weile, könne aber keine Ansprechpartner erreichen. Unter den gegebenen Umständen sei die vollständige Funktionalität der Containment-Infrastruktur nicht mehr garantiert. Es gebe zwar keinen Hinweis auf ein akutes Ereignis, man empfehle dennoch eine zeitnahe Lagebewertung durch qualifiziertes Fachpersonal und sei bereit, Spezialisten mit dem notwendigen Equipment zu entsenden und mit den örtlichen Behörden zusammenzuarbeiten.
Die Nachricht gelangte im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Erstellung eines Gutachtens zum baulichen Zustand des Towers an die Öffentlichkeit. Potenziellen Interessenten sollte der Standort schmackhaft gemacht und die Entwicklungschancen für das Gebäude aufgezeigt werden, hieß es. Der Gemeinderat müsse für das Gutachten Mittel bereitstellen. Einzelne Fraktionen hielten es für nicht opportun, in der angespannten wirtschaftlichen Lage Gelder für eine solche Studie auszugeben. Die Befürworter des Projektes vermuteten daher einen strategischen Daten Leak, des politischen Gegners, als die Zeitung über die möglicherweise kompromittierte biotechnologische Einrichtung schrieb.
In den Kommentarspalten versammelten sich Paranoide, die vermuteten, das sei alles ein perfider Plan, um sie demnächst zu Impfungen zu zwingen, die sie umbringen sollten. Eine überraschend große Anzahl an autodidaktisch ausgebildeten Seuchenfachleuten erklärte, der Tower könne keine Labore beherbergen, in denen Gefährliches entwickelt worden sei, weil das niemals genehmigt worden wäre. Andere attestierten ihnen kriminelle Naivität.
Das Thema Werbegutachten wurde in einer Gemeinderatssitzung im Frühling zunächst an den Wirtschaftsausschuss delegiert, der Stellung zu Kosten und Nutzen nehmen sollte. Die Abstimmung darüber konnte daher frühestens nach der Sommerpause auf die Agenda gesetzt werden. Die Verwaltung teilte dem Unternehmen für Gefahrstoffkontrolle mit, erst nach erfolgter Abstimmung würde man einen verbindlich Termin für die Überprüfung vereinbaren und auch das Hochbauamt habe sich gemeldet weil es noch ein Wörtchen mitzureden habe.
Das Sommerloch in der Lokalzeitung füllten Artikel über das Verschwinden der Tauben aus dem Hauptbahnhof und der Halsbandsittiche aus der ganzen Stadt. Jubel und Freude des Kommentariats über das Ende der „Ratten der Lüfte“ triumphierten diesmal in den Sozialen Medien über die Tierliebe. Unterdessen berichtete zunächst die überregionale und schließlich die internationale Presse aus fernen Städten von Sichtungen haarloser, schwarzer Ratten, so groß wie Katzen. In der Stadt interessierte das niemanden. Die Menschen beschäftigte das Verkehrschaos. Schlechte Straßen, hinderliche Baustellen, ein unzuverlässiger öffentlicher Nahverkehr und pünktlich zum Schulstart explodierten die Sozialen Medien.
Ob das Militär sich keinen günstigeren Zeitpunkt habe aussuchen können? Ob es notwendig sei, mit dem schweren Gerät die ganzen Straßen zu blockieren? Ob man den Berg nicht anders erreichen könne? Man hätte doch wenigstens die Abfahrten ins Stadtzentrum und zu den Supermärkten im Industriegebiet freihalten müssen! Und wer hatte die Idee, das oberste Parkdeck vom Kaufland zum Hubschrauberlandeplatz umzufunktionieren? Sogar am Samstag! Der Feinstaub, der durch die Brände in die Luft gelangte, erzürnte die Menschen. Der Lärm der Rotoren, die Sirenen und das Gewehrfeuer. Die Polizei beschwerte sich, dass Leute nachts dauernd bei ihr wegen der Schüsse anriefen, die Kommentarspalten diskutierten die Waldbrandgefahr, die von den Flammenwerfern ausging.
Wichtige Mäzene, Sponsoren, Professoren, Hoteliers und Unternehmer schalteten sich ein. Der Start eines musikalischen Großereignisses sei durch den albernen Aufruhr gefährdet. Das vergraule Besucher! So könne doch keiner Kunst genießen und der Wirtschaft entstünde durch die ausbleibenden Gäste erheblicher Schaden! Die Zeitung berichtete. Die Kommentatoren tobten. Die Stadt gab eine Pressemitteilung heraus. Man habe Beschwerde eingelegt. Der Oberbürgermeister sei unverzüglich zunächst ans Telefon und von dort erst in die Landes-, dann in die ganz große Hauptstadt gerauscht, um dafür zu sorgen, dass das Militär und die Leute in den Biohazard-Anzügen aus dem Stadtbild verschwänden. Man habe ihm versichert, seinen Wünschen umgehend Folge zu leisten. Eine genaue Zeitangabe, was unter „umgehend“ zu verstehen sei, blieb die Pressemitteilung schuldig. Anrufe mit Nachfragen nahm die Verwaltung nicht entgegen. Wegen des hohen Krankenstandes. Es fehlten zu viele Mitarbeiter.
Schließlich ließ sich die Katastrophe nicht mehr leugnen. Die Medien dokumentierten, Experten erläuterten, Kommentarspalten brodelten. Es folgten Anschuldigungen, die Stadt habe versagt, habe nicht rechtzeitig reagiert. Die Zeitung führte ein Interview mit dem Oberbürgermeister. Der sagte, er habe sich nichts vorzuwerfen. Das sei eine üble Kampagne gegen ihn. Alle Prozesse seien juristisch einwandfrei. Er habe die Vorgänge noch einmal durch das Rechtsamt prüfen lassen und das bestätige, dass im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften alles korrekt verlaufen sei.
Bis zur völligen Ausrottung der Menschheit vergingen noch sechs Monate.
