Laden…

New WORD Order

Home of The Riot Writers & The Riot Reading Club
Join the Club!

SNARC – Kapitel 1 – Blasser Dunst

„Was hast Du getan?“, schreit der Kerl im dunklen Anzug und beugt sich aggro über den Metalltisch. Etwas – oder jemand – kreischt so laut in seinem Headset, dass es bis zu mir dringt.

Er zuckt zusammen. Und verpufft mit einem feuchten „Plopp“ in eine rosa Wolke.

Die vermischt sich mit der Wolke seines Kollegen, der eben noch an der Wand stand. Im pinken Nebel zwirbeln gemächliche Wirbel in tanzenden Strudeln. Gerade noch Agent Badass im nächsten Moment: Fettiger, nach Metzgerei riechender Dunst, der sich auf allen Oberflächen absetzt. Boden, Tisch und auf mir.

Vanitas.
Ich blinzle, schüttle den Kopf.

Bewegungslos sitze ich auf meinem Stuhl in einem Verhörraum, ein paar Stockwerke unter der U-Bahn-Station Pustekuchen. Mein Gehirn versucht sich zu rekalibrieren.

Vier Sekunden einatmen, sieben halten, acht aus.
„Pustekuchen“ ist ein wirklich alberner Name für eine U-Bahnstation. Es gibt auch einen „Ochsenkopf“. Wer denkt sich so was aus?

4/7/8

Meine akuteste Sorge eben noch, waren auf mir verteilte menschliche Überreste. Nun flüstert in der vollkommenen Stille die Tür hinter mir leise, ganz leise.
Ein Türblatt, das Luft wegschiebt. Weil es sich öffnet. Langsam. Nachdem zwei Typen vor mir verpufft sind. Und ich nicht. Noch nicht. Meinem Atemrhythmus tut das nicht gut. Verpuffen ist nichts, was ich heute geplant hatte. Oder Morgen. Oder jemals.

Langsam drehe ich mich um, damit ich sehe, mit wem oder was ich es zu tun habe. Natürlich könnte ich auch die Augen zukneifen und vor mich hin wimmern. Oder pfeifen. Laut schreien? In meinem Hirn singen “New Model Army”: „When someone comes to eat me alive, I like to see their teeth!“

Auf dem Flur hängt dreckige Bettwäsche in der Luft. Ein schwebendes, vergilbtes Gebilde mit fragwürdigen Flecken.
Die Platte meines inneren Soundtracks knackt. Während Kurzschlüsse in meinen Synapsen britzeln, starre ich auf das Gespensterding und versuche ihm einen Namen zu geben. Eine Einordnung: Gibt’s Nazgûl auch in Beige? Der Gelbe Riese… Eklig! Könnte mein innerer Monolog bitte aufhören Amok zu laufen?

Der Haufen behandlungsbedürftiger Kochwäsche wabert unterdessen ominös aber geduldig in einer nicht existierenden Brise vor sich hin.

Ich höre mich Schnaufen und das Blut in meinen Ohren rauschen. Oder es sind die Geister des Personals auf den Fluren. Die Stille ist so aufgeladen, dass man sie in Stück schneiden könnte. Wir wollen aber nicht über Zerstückelung reden, denn von dort ist der Weg zu Auflösung nicht weit und schon sind wir wieder da, wo wir nicht hin wollen! Compartmentalisation ist ein interessantes Wort und eine gute Strategie. Schnell haue ich meine mentalen Schubladen zu und verlasse pfeifend den Gedankenpalast. Es wird Zeit, dass wir weiterkommen.

„Hi!“, sage ich und hebe die Hand zu einem vorsichtigen Gruß.

Ich verpuffe nicht.

Das Laken wabert wie zuvor. Vielleicht ist es wie bei Katzen? Die Kommunikation mit dem Schwanz? Möglicherweise winkt es zurück oder hat mir schon eine Erklärung für die Vorgänge vorgetanzt, nur verstehe ich es nicht? Egal. Nichts geht über ein ordentliches Räuspern zum Gesprächsauftakt!

„Öhm, ja. Danke, ne? Das war echt nicht, was ich erwartet hatte, als ich hier reingestolpert bin. Ernsthaft: Eine geheime Base von Schlipsfaschos in der U-Bahn? Und was das für Clowns sind, ey! Unhöfliche Säcke ohne jede Erziehung! Naja, glücklicherweise warst du so nett… da… effektiv…? Wenn du willst, lad ich dich auf einen Kaffee ein. Komm vorbei. SNARC, oben auf der Mauschelmeile“, ich bin aufgestanden und gehe faselnd auf das Laken zu.

„Oder eine Runde in der Waschmaschine? Ich hab‘ Weichspüler mit Frühlingsfrische?“
Keine Ahnung, was ich schwafle. Ernsthaft! Ich sollte damit aufhören. Mein Mund klappt mit einem scharfen, bis in die Haarspitzen vibrierenden Klack! zu.

Das Laken weicht zurück und lässt mich aus dem Raum, ohne mich zu verdunsten.
„Danke.“, sage ich. Dann stehe ich im Flur und weiß nicht wohin. Das Herz sagt renn! Der Kopf schreit: Bleib!
Alter, ich hasse Deutschpop! Die olle Birne hat aber recht. Rennen ist oft gar nicht gut bei Jägern. Keine Ahnung, ob das Laken ein Jäger ist. Ich weiß nicht mal, ob es überhaupt mit der Vaporisationsnummer zu tun hat. Aber falls es ein Jäger ist, ist Flucht doof.

Die Anzugclowns hatten mich auf dem Weg in den Verhörraum geschubst, angeschrien und gedroht, was das Zeug hielt. Ich bin nicht leicht zu beeindrucken, aber bei dem Getöse habe ich komplett die Orientierung verloren. Aktuell ersäuft meine Konzentrationsfähigkeit außerdem in Adrenalin. Grundsätzlich bin ich aber auch nicht gut im Rennen. Womöglich erklärt dieser Mangel an fluchtbasierter Konfliktlösungsfähigkeit meine biografische Entwicklung. Darüber können wir aber später reden.

Das Laken winkt sanft mit seinen Tentakeln zu meiner Linken. Ich blicke den Gang hinauf, hinunter…
Das hilft nichts.
„Jo!“, sage ich und stemme meine Hände in die Hüften, „wo geht’s hier jetzt raus?“

Im Augenwinkel nehme ich wahr, wie sich der Bewegungsrhythmus ändert. Der Lappen dreht sich und schwebt davon. Keine Ahnung, ob er die Schnauze von mir voll hat oder mich zum Ausgang bringt. Spontane Veränderung des Aggregatzustands hin oder her: Ich folge ihm.

Während wir durch monotone Gänge schweben respektive wandern, rutsche ich gelegentlich in fettiger, rosa Schmiere aus. Ich würde danach fragen, andererseits will ich nicht mehr zu sehr auf dem Thema rumreiten. Um die Atmosphäre aufzulockern, versuche ich es mit etwas Socializing: „Das mit dem Schweben ist richtig praktisch!“, erkläre ich anerkennend und bekomme grade noch das Geländer an einer glitschigen Treppe zu fassen. Jetzt ein Genickbruch, das wär‘ doof!

Ein paar Flure später sind wir plötzlich an einer gusseisernen Wendeltreppe. Die kenne ich! Am oberen Ende ist die Tür, durch die ich in diesen Schlamassel geraten bin. Bestenfalls hatte ich mit Bier saufenden Handwerkern gerechnet, die ihre Pause vom Frühstück direkt bis zum Feierabend verlängern. Ein Hydra-Headquarter, Verhöre durch massiv irritierende Blödmänner (MiB) und Spontanverpuffungen durch Amok laufende Bettwäsche, hatte ich sicher nicht auf dem Zettel.

Das Laken wabert zur Seite, um mich durchzulassen.
„Kommst Du nicht mit?“, frage ich.
Es dreht sich um und gleitet davon. Ok. Wow.
„Ja also, danke nochmal. Das Angebot zum Kaffee und Weichspüler steht. Man sieht sich!“, rufe ich ihm hinterher und frage mich nicht zum ersten Mal, was eigentlich nicht mit mir stimmt.

Mein schweigsamer Begleiter verschwindet um die nächste Ecke. Ich steige die lange Spirale der Wendeltreppe nach oben und widme mich praktischen Alltagsfragen. Gleich muss ich durch die U-Bahn-Station, um in meine heimische Dusche zu kommen. Hoffentlich hat sich der pinke Nebel so gleichmäßig über mir verteilt, dass er nur einen rosigen Teint macht, statt mich aussehen zu lassen wie Carrie nach dem Schulball.